Oh Merry !
Kurz nach unserer Ankunft erklärte Annick, dass trotz unserer Anwesenheit 2x pro Woche am Nachmittag die Nani kommt, um für Mica zu schauen. Evelyn und ich waren etwas verwundert und fragten, ob Annick meine, Micah werde uns überfordern. Wie oft in Afrika kommen wir überein einmal abzuwarten.
Es war Dienstag nachmittag, schön heiss und Micah wollte nur noch in den Armen bleiben. Merry, welche um 15 00 erscheinen sollte, war auch um 15 45 noch nicht sichtbar. Da ertapte ich mich, wie ich mit Micah auf den Armen immer öfters durchs Fenster auf die menschenleere Zufahrt blickte. Als sich dann endlich um 16 Uhr die Gartentüre öffnete, musste ich zum Fenster als Empfang singen: Oh Merry, oh Merry (in der Melodie von Oh Mami, oh Mami blue). Kaum waren Hände und Arme gewaschen, war der verschwitzte Micah in Merys Armen. So tanzten die beiden im Rythmus afrikanischer Musik durch die ganze Wohnung………und Micah entschloss sich endgültig noch lange nicht einzuschlafen….
Stromunterbrüche
Vieles hat sich geändert seit den letzten Ferien hier. Nur noch 2 Stromunterbrüche! Der erste 2-3 Stunden, der zweite 2-3 Tage. Auch der laute Lärm des Generators hinter dem Haus hat sich auf einen normalen Lärmpegel eingespielt. Beim 3-tägigen Unterbruch richtete sich unser Speisezettel nach der Dringlichkeit der Waren im Frigo. Bald hätten auch der Raclettkäse und die Pralinen dran glauben müssen…….
Auch in den Büros musste man sich mit dem Stromunterbruch abfinden. Ein Mitarbeiter von Zwitschi beschrieb dies sehr anschaulich: die Angestellten erscheinen am Morgen, setzen sich vor den PC und nichts passiert bis sie am Abend nach Hause gehen. Richtig afrikanisch? Nicht unbedingt.
Die Musikschule Balanta gab am 1. November ein Konzert im British Council. Über 200 Zuhörer beobachteten den etwa 30-köpfigen Chor und dessen Dirigent, als es für ca. 5 Min. stockfinster wurde: Stromunterbruch! Doch der Chor sang weiter, der Dirigent dirigierte und die Zuhörer hörten mäuschenstill zu! Für einmal mussten sich die Zuhör allein auf die Musik konzentrieren. Als das Licht wieder anging, waren Chor und Dirigent immernoch im Takt. Ist diese Disziplin typisch schweizerisch? Oder hätte in der Schweiz ein Tumult begonnen?
Wahlen
Ein Kollege von Zwitschi ist der Sohn eines Dorfchefs von einem Dorf in der Umgebung von Bo. Wir fragten ihn, ob er Nachfolger seines Vaters werden möchte. Da erklärte er uns, dass nicht er oder sein Vater dies bestimmen kann, sondern dass dazu Wahlen notwendig sind. Damit traf er meine schweizerischen Gefühle. Voller Bewunderung fragte ich ihn, ob solche Wahlen ihren Ursprung aus der Kolonialzeit haben oder ob dies einer alten lokalen Tradition entspricht. Meine Begeisterung wurde etwas gedämpft, als er mir erklärte, dass sich die Stimmberechtigten auf einen engen Kreis von Familienangehörigen beschränken. Somit macht uns Sierra Leone nicht streitig, dass die Schweiz eine der ältesten Demokratien ist.
Im Nachhinein kamen mir dazu weitere Gedanken: Bei den Wahlen der eidgenössischen Parlamentarier beteiligten sich ein Drittel der Stimmberechtigten. Resultat: keine Änderung. Wird der Unterschied Sierra Leone zur Schweiz überschätzt?
Greyezer vollreif
Zwitschi erzählte uns, dass eine Europäerin in Freetown Besuch aus der Heimat bekam, welche ihr die europäischen Spezialitäten verschlang. Das sollte mir nicht passieren: So herrliche Früchte, frisches Gemüse und Salate vom Markt oder im Restaurant und wenn nötig europäische Waren aus den Supermärkten von Freetown. Was sollte mich da ein Stück Greyezer interessieren? Doch am drittletzten Abend vor der Heimreise geschah es: Ich schnitt mir eine rechtes Stück Greyezer ab und glaubte eine Reaktion bei Zwitschi und Annick zu verspüren. Danach schnitt auch Zwitschi für Annick und sich je drei feine Tranchen ab. Alles zusammen war kleiner als mein Stück! Zeit für meine Heimreise.
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