Ich arbeite nun mit der Justice and Peace Commission seit einem 3/4 Jahr mit verschiedenen communities zusammen. Wir haben in dieser Zeit in 4 Gemeinden bzw. Kirchgemeinden 4 Justice und Peace Committees aufgebaut. Die Committees haben in einer ersten Phase jeweils ein Thema gewählt, das nach ihrer Meinung sofortiger Aufmerksamkeit und Interventionen bedarf. Hier ein paar Beispiele: a) häusliche Gewalt und Mangel an Vertrauen/Respekt innerhalb der Familien, b) ein andauernder gewalttätiger Konflikt zwischen einer Schule (Lehrer, Schüler) und der benachbarten Polizeistation, c) illegales Fischen mit Dynamit, welches zu grösseren Konflikten mit der Polizei geführt hat (weil diese von Zeit zu Zeit als Gegenmassnahme die Boote der Fischer zerstören).
Es macht mir immer Spass, an den Treffen mit den Committees teilzunehmen, die jeweils Samstags statt finden. Die Mitglieder der Committees sind ausschliesslich Freiwillige, die sich darum bemühen, mehr Frieden in ihrer Gemeinde zu haben. Hier liegt meiner Meinung nach einer der Schwachpunkte dieses Programms. Für die Mitglieder ist jedes Treffen oder Training mit einem Effort verbunden. So steht beispielsweise bei Frauen am Samstagmorgen viel häusliche Arbeit, kochen oder einkaufen an. Kein Wunder also, dass die Frauen untervertreten sind. In Kirchgemeinden, die flächenmässig grösser sind, müssen die Mitglieder für den Transport zum vereinbarten Ort bis zu Leones 10´000 zahlen was dem Äquivalent von 2 Mahlzeiten entspricht. Wenn man bedenkt, dass über die Hälfte aller Sierra Leoner unterernährt sind, ist das nicht wenig.......Samstag ist zudem auch die Zeit, in welcher man mit verschiedensten Jobs etwas Zusätzliches verdienen kann (um für die nächsten Tage das notwendige Geld für Essen oder anderes zusammenzubringen). Es hat bei mir eine Weile gedauert, für diese Dinge ein Verständnis zu entwickeln und das Nicht-Erscheinen von Mitgliedern mit mit fehlender Einsatzbereitschaft gleichzusetzen. Wir haben nämlich wahrnehmen müssen, dass immer weniger Mitglieder zu den Treffen kommen und wir sie vor jedem Treffen mehrere Male erinnern müssen, damit sie kommen.
Schlau wie ich bin, habe ich mir gedacht, wir müssen es schaffen all diese Gegebenheiten zu berücksichtigen und unser Programm ein wenig anpassen. Als ich meine Besorgnis von Zeit zu Zeit gegenüber meinem Team äusserte, meinten die meisten, dass die Probleme gelöst werden, wenn anstatt einem Committee pro Kirchgemeinde viele Subcommittees gegründet werden . Ihr könnt Euch das folgendermassen vorstellen: Wenn es ein Committee für das Glarner-Unterland geben würde, sollen nun für jedes Dorf oder gar Dorfviertel ein Subcommittee gebildet werden. Das gute an dieser Idee ist, dass die Mitglieder der Sucommittees sich in ihrem eigenen Dorf treffen können und kein Geld mehr für Transport aufbringen müssen. Aber was die anderen Herausforderungen betrifft, sehe ich nicht, dass sich etwas grundsätzlich ändern wird.
Nun denn, da mein Chef Father Konteh sich zu dieser Sache selber nicht geäussert hatte, sprach ich ihn bei nächster Gelegenheit mal darauf an. Ich teilte ihm meine Meinung und Ideen mit, und fragte ihn nach seiner Meinung, worauf er antwortete: "Philipp, Deine Ideen sind gut und besser als die Strategie, überall Subcommittees zu etablieren, aber die letztere Strategie ist praktischer, deshalb werden wir es so machen." Schluck, Schluck!! Ich wiederholte nochmals was er gesagt hatte, um mich zu vergewissern, ob ich richtig gehört hatte und vielleicht auch in der Hoffnung, dass er noch Ausführungen dazu macht (was natürlich nicht geschah).
Ich hätte ihn nun fragen können, weshalb die andere Strategie praktischer sei und was gegen meine Ideen spreche. Dies hätte ich vermutlich auch noch vor einem halben Jahr gemacht. Doch eine innere Stimme in mir sagte, "lass es für den Moment so sein wie es ist und beobachte einfach, wie es weiter geht". Auch wenn ich zu meinem Chef ein gutes persönliches Verhältnis habe, bewege ich mich bei einem solchen Gespräch auf kulturellem Glateis. Wenn ich ihn nach seiner Meinung frage oder ihn um einen Ratschlag bete und er mir diesen gibt, so kann es heikel sein, dies sofort in Frage zu ziehen. Ich habe gelernt, dass das Alter eine natürliche Hierarchie mit sich bringt. Umso heikler kann es daher sein, wenn ein junger Mann einen erfahrenen Chef durch Fragen "in Frage stellt". Und schliesslich musste ich bei seiner Antwort innerlich schmunzeln. Denn in seiner Antwort war so viel von der afrikanischen Art erhalten, die ich schätzen gelernt habe. Anstatt wie bei uns zu sagen, "Deine Idee weist folgende Schwächen auf", wird mit einem Lächeln mitgeteilt, "Deine Idee ist gut", und erst dann kommt die "richtige" Stellungnahme.
Wie ihr seht, ist in dieser Hinsicht Geduld und Kreativität gefordert, schliesslich gibt es fast täglich/wöchentlich ähnliche Situationen. Diese andere Art, Dinge anzupacken und auch zu kommunizieren ist schlussendlich eine Bereicherung für mich, auch wenn ich manchmal die letzten verbliebenen Haare raufen könnte. Also passt auf, wenn wir zurück kommen, dann werde ich Euch wie mein Chef mich, mit seiner charmanten Art "Schachmatt setzen".........oder eben auch nicht. Viele liebe Grüsse und wir freuen uns immer über Eure Kommentare!