Wenn ich dauf die letzten 4 Wochen zurückblicke, staune ich, was wir schon alles erlebt haben und dass bereits eine gewisse Art Alltag einkehrt ist. Insbesondere die Begegnungen mit Menschen waren sehr spannend. Es wird gesagt, dass Sierra Leone ausländische Besucher besonders freundlich aufnehme, so erleben wir das auch. So meinte der Bruder meines Chefs, dass im Falle eines Streites in der Öffentlichkeit zwischen einem Sierra Leoner und einem Ausländer die umstehenden Personen in der Regel Partei für den Ausländer ergreifen würden, um diesen zu beschützen.
Als besonders herzlich haben wir bisher die Begegnungen mit verschiedensten "Schwestern"(katholisch) empfunden. Zum Einen, weil diese sofort auf uns zukamen und sich für uns interessierten, zum Anderen, weil sie einen tollen Humor haben. Sie entsprechen in keiner Weise dem Bild einer alten, ernsten oder verkorksten Nonnen, welches wir manchmal in Europa haben. Was sie daneben noch auszeichnet, ist ihre Hartnäckigkeit in ihrer Arbeit wie z.B. bei der Leitung von Schulen oder Traumaarbeit.
Daneben fühlen wir uns auch von meinem Team sehr aufgenommen. Wir werden in allen Bereichen unterstützt, also nicht nur was die Arbeit betrifft, sondern in Dingen wie Wohnungssuche, wo Kleider kaufen, die Stadt zeigen, etc.
Anhand von den Bildern auf unserer Webseite könnt ihr erkennen, das Basketball eine nicht unwichtige Rolle bei uns spielt. Es hat sich inzwischen schon rumgesprochen, dass eine "weit uman" mit den Männern Basketball spielt. Für mich ist das Basketball spielen deshalb so wertvoll, weil wir so mit anderen Menschen in unserem Alter ganz unmittelbar in Kontakt sein können, ohne viel sprechen zu müssen. Und zudem tut es unendlich gut, sich körperlich zu betätigen, um sich ein wenig von den vielen Eindrücken zu erholen.
Bisher haben wir auch viel Zeit in unserem Hostelzimmer verbracht, da dies unser einziger Rückzugsort ist. Meistens liegen wir auf dem Bett, spielen Sequence, lesen (Annick) oder hören Musik. Natürlich gibt es auch Hausarbeit wie waschen (natürlich Handwäsche), bügeln (ist hier notwendig, weil eine gewisse Tumbu-Fliege gerne ihre Eier in nasse Kleider legt.....) oder organiseren, dass jemand unser Zimmer putzt. Letzteres ist nicht immer eine formelle Sache, da oft ein anderes Zeitverständnis besteht. Wenn ich das erste Mal den Angestellten bat, unser Zimmer in einer halben Stunde zu putzen, hat er auch schon geantwortet "no problem" und ist dann in den nächten 2 Stunden nicht erschienen. Als ich ihn dann aufgesucht habe und ihn gebeten habe, er möge bitte unser Zimmer putzen, hat er mich ungläubig angesehen und gefragt "jetzt gleich". Da habe ich gesagt "Ja" und er wie immer "no problem", ist dann aber tatsächlich gekommen.
Vieles läuft hier in einem langsamerem Tempo als gewohnt ab: der Verkehr rollt bei ca. 20km/h, die Leute laufen ob der Hitze langsamer; der Arbeitsrhythmus ist ebenfalls langsamer, da z.B. zuerst der Generator angeschaltet werden muss, nur ein Computer da ist für das ganze Team und und und.
Ein echtes Higlight ist jeweils der Ausflug zum Meer. Das Wasser ist herrlich warm und wir geniesssen es im Wasser zu plantschen und auf dem weichen Sand zu sitzen und das Meer zu beobachten. Eine echte Erholung. Leider nicht immer, wie z.B. letzten Sonntag, als eine Frau mit einer Schale vor uns stehen blieb und uns um Geld bat. Als wir ihr sagten, dass wir kein Geld geben, blieb sie einfach vor uns stehen und streckte die Schale praktisch Annick ins Gesicht. Auch nachdem wir mit Vehemenz wiederholten, dass wir nichts geben, rührte sie sich nicht. Wir haben beide gemerkt, dass wir wütend wurden, da wir einfach nur Ruhe wollten. Nach einigen Minuten ist sie schliesslich mit einem Murren von dannen gezogen.
Diese Situation gibt Euch vielleicht einen Eindruck, dass nicht alles so "easy" abläuft. Häufig merke ich, dass meine Nerven beansprucht sind und ich nur selten ganz abschalten kann. Dies ist für Schweizer wie uns sehr ungewohnt, wir sind ja gewohnt, dass wir sogar an öffentlichen Orten wie z.B. im Zug unsere Ruhe haben. Umso wichtiger ist, dass wir nun einen Vorvertrag für die bereits beschriebene Wohnung in der Tasche haben. Und in rund 2 Wochen können wir dort einziehen und unser Reich einrichten.
Meine liebe Frau liegt neben mir auf dem Bett. Sie liest mal wieder und ist ganz friedlich. Sie scheint mir ohnehin viel ausgeglichener als ich zu sein. In wenigen Minuten geht sie in die Stadt und gibt ihren bereits 2. Singunterricht in der Balanta Music School. Sie wird Euch bald mehr darüber berichten........(in der nächsten Folge.....wie bei einer Fersehserie endet es immer, wenn es gerade spannend wird....)
Liebe Grüsse, wo auch immer ihr seid