Endlich wieder mal ein Lebenszeichen von uns in Sierra Leone. Lang ist es her seit unserem letzten Eintrag. Wo sind da die Neujahrsvorsätze geblieben???
Seit letzter Woche sind wir zurück in Sierra Leone, unserer zweiten Heimat. Die letzte Ferienwoche in Nimes haben wir sehr genossen, wobei wir uns auch schon ein wenig auf die zweite Hälfte (1, 5 Jahre) Sierra Leone eingestimmt haben. Glück war uns beim einchecken im Flughafen beschieden, da wir mehrere Kilos Übergepack mit uns führten. Dieses bestand vor allem in den ca. 20 Tennisrackets, 15 Tennisschuhen und T-Shirts (alles second hand bester Qualität), welches der Tennisclub Mollis für Tennis Sierra Leone innerhalb eines Monats gesammelt hatte. Die Frau am Check-in Schalter machte uns darauf aufmerksam, dass wir für jedes Gepäckstück, welches mehr als 23 kg wiegt, 50 Euro zahlen müssen. Ausnahmen gebe es nicht, auch nicht wenn es sich um eine Spende handle. Das erste Gepäck wog 23,8 kg, was sie durchgehen liess. Beim zweiten blieb die Waage bei 24 kg stehen, worauf wir ihr versicherten, dass das 3 Gepäckstück nur 20 kg wiegen würde. Die Frau ging auch hierauf ein. Nun blieb nur noch das letzte Gepäck mit allem Tennisequipment übrig, welches 27,5 kg wog. Da das Gepäckstück aber so sperrig war, sodass es nicht auf der Waage Platz hatte, blieb der Zeiger bei 23,5 kg stehen. Die Frau, die zu Beginn eigentlich so konsequent erschien, liess sich wohl von Annicks Charme erweichen und unterliess es, uns um 50 Euro zu erleichtern! Puh.
Wir kamen um 04.00 Uhr bei unserem Appartement an, wo alle 3 Guards uns freudig begrüssten. Welch herzlicher Empfang in der Nacht. Kaum waren wir zu Hause angekommen, begann es zu regnen. Totmüde und dankbar sanken wir auf unser Bett und befestigten das Moskitonetz.
Ein gutes Omen für unsere zweite Hälfte Sierra Leone?
Gestern war ein öffentlicher Feiertag, ein muslimischer Feiertag nach dem Ende des Ramadans. Wie meistens, wenn ein muslimischer Feiertag bevorsteht, weiss niemand im Vorfeld, wann dieser genau sein wird. Das hat damit zu tun, dass sich die Muslime nach dem Mond und dessen genauer Stellung orientieren (wo wurde uns das zumindest gesagt). In der Schweiz oder auch Europa wäre es unvorstellbar, wenn man erst am Abend zuvor erfahren würde, ob am nächsten Tag ein Feiertag ist. Das würde ja die ganze Planung verunmöglichen. Nicht so in Sierra Leone, wo Flexibilität und Improvisationskunst gefragt ist. Also nichts für Organisations-Hardliner.
Heute bin ich mit meinen Kollegen von der Justice and Peace Commission zu einer Militärbarracke gegangen. Die Barracke ist ein Areal, in welchem ca. 2000 Personen wohnen: Soldaten und ihre Familien. Wir haben mit den Verantwortlichen dieser Barracke ein Projekt ausgearbeitet, wonach wir 30 Personen (Soldaten und Zivilisten, Frauen und Jungendliche) in gewaltfreier Kommunikation und Mediation trainieren. Der heutige Tag sollte dazu dienen, dass die 30 ausgewählten Personen von Tür zu Tür gehen, um die anderen Mitbewohner des Areals über den Inhalt des Projekts zu informieren. Als ich eine kleine Gruppe hierbei begleitete, wurde ich aufgefordert, einen aktuellen Konflikt zwischen 2 jungen Frauen zu mediieren. (Innerlich habe ich zu mir gesagt: darin hast Du Dich selber hineinmanövriert, jetzt musst Du schauen, wie Du da wieder rauskommst!!!). Ich willigte in die Mediation ein und bat eine Kollegin, für mich zu übersetzen, falls ich das Krio der beiden Frauen nicht ganz verstehen sollte. Ich selber fühlte mich zu Beginn unsicher, da dies die erste Situation war, in welcher ich konkret angefragt wurde, zwischen 2 Parteien zu mediieren. Dazu kam die ganz einfache Umgebung, in welcher die Frauen leben und in welcher die Mediation statt finden sollte. Um unsere Stühle herum standen einige Interessierte, in unmittelbarer Nähe kochten andere Frauen und es wurde laut gesprochen, mit anderen Worten nicht die Atomosphäre, wie ich sie mir für eine Mediation gewünscht hätte. Nichts desto trotz begannen wir und langsam langsam kamen wir auf den Grund der Auseinandersetzung. Plötzlich meinte dann die eine Frau, dass sie jetzt Kleider waschen gehen möchte. Meine Kollegen wiesen sie sofort zurecht, dass sie sich nicht so verhalten könne, nachdem wir uns so bemüht hätten und ich extra gekommen sei. Schliesslich gehe es darum, so schnell wie möglich Frieden zu schliessen und wieder als eine Familie zu leben.
Diese Haltung, also, dass Parteien von "Mediatoren" oder aussenstehenden Personen dazu gedrängt werden, Frieden zu schliessen, ist hier vorherrschend. Ich sehe bei dieser Art die grosse Gefahr, dass unter Zwang eine Vereinbarung getroffen wird, die am nächsten Tag - wenn der Mediator nicht mehr anwesend ist - keine Gültigkeit mehr hat, da Wut, Frustration oder Traurigkeit zurückbleiben und sich bei einer anderen Gelegenheit wieder bemerkbar machen. Aus diesem Grund, fragte ich die Frau, ob sie jetzt lieber waschen gehen als über die Angelegenheit sprechen möchte, was sie bejahte. Also beendeten wir die Session und boten den Frauen an, dass wir wieder kommen würden, falls sie weitermachen wollen.
Es gibt noch einiges zu lernen (für mich) und zu tun, bis zum nächsten Eintrag!