Montag, 25. Juli 2011

Helm vergessen - Pech gehabt

Kürzlich wurden 2 Mitarbeiter von mir von der Polizei angehalten, da sie auf einem Motorfahrrad unterwegs waren, aber nur einer einen Helm trug. Neben ihnen stoppte die Polizei noch dutztende andere Okada (Motorradfahrer, eine Art Taxi), wegen desselben Vergehens. Die meisten Okadas gaben den Polizisten auf Aufforderung um die Le 20´000, was ca. Fr. 4.- entspricht (so viel verdient ein Okada pro Tag). Das ist nicht etwa eine formelle Busse, sondern ein alltägliches Beispiel der sogenannten kleinen Korruption. Meine Kollegen weigerten sich, die Polizisten zu "schmieren" und wurden deshalb zur nächsten Polizeistation vorgeführt, wo ihre Aussagen aufgenommen wurden. 2 Stunden später landeten sie bereits vor Gericht!!! Und das in einem Land, wo das Gerichtssystem für seine Verzögerungen bekannt ist. Zum ersten mal wohnte ich einer Gerichtsverhandlung in Sierra Leone bei. Die Angeklagten standen in einer Art Käfig und niemand wusste so recht was mit ihnen passieren wird. Ich glaube, ich hätte mich in diesem Käfig wie ein Schwerbrecher gefühlt. Unglücklicherweise war unser eigener Anwalt nicht abkömmlich, weshalb wir einen Anwalt vor Ort engagieren mussten. Neben des Helms wurde den Kollegen vorgeworfen, dass sie die Polizei behindert hätten (police obstruction); das ist die Lieblingsanschuldigung der Polizei....Und jetzt wird es besser: ratet mal, wer im Zeugenstand sass: die Polizisten selber (was natürlich völlig absurd ist)

Das Urteil lautete Le 150´000 Busse für jeden, zahlbar sofort, oder 1 Monat Pademba Road Prison. Zudem noch die Gerichts- und Anwaltsgebühren in der Höhe von ca Le 300´000.-. Nicht schlecht für ein Land, in welchem die meisten Menschen nicht mehr als LE 300´000 pro Monat verdienen. Mit anderen Worten müssen die meisten Menschen wegen der einfachen Verletzung einer Verkehrsregel in das Gefängnis. Und einmal im berüchtigsten Gefängnis von Sierra Leone, dem Pademba Road Prison, angekommen, gibts keine Garantie mehr, wann man rauskommt. Gemäss Angaben von Organisation, sitzen dort Hunderte von Menschen ohne (rechtmässiges) Gerichtsverfahren oder wurden schlicht einfach vergessen, weil niemand die Geldstrafe aufbringen kann. Die Bedingungen im Gefängnis sind katastrophal: Gewalt, kein Essen (Verwandte müssen es jeden Tag mitbringen) und viel zu viele Menschen in einer Zelle.

Da wird es einem mulmig, weil so was jedem passieren kann. Noch die kleinste Verkehrsregelverletzung, wie den Fahrausweis zu Hause vergessen haben, kann zu einer solchen Prozedur führen. Hier bekommt man die Macht des Staates zu spüren. Mein Kollege meinte, dass sogar einige Anwälte mit den Polizisten gemeinsame Sache machen. Die Polizei nimmt Leute fest, die Anwälte kassieren und teilen dies mit den Polizisten. Wir können von Glück sprechen, dass wir ein NGO Nummernschild haben und daher ein wenig geschützt sind. Jetzt wird mir auch klar, weshalb meine Kollegen mich am Anfang mehrmals darauf hingewiesen haben, alle Fahrzeugpapiere immer in Ordnung und ajour zu halten.

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