Sonntag, 23. Januar 2011

Jahresrückblick Teil 2

Nachdem ich in der ersten Hälfte des Jahres 2010 in beruflicher Hinsicht nicht besonders gefordert war, ganz im Gegensatz zu Annick, ging es in der zweiten Hälfte richtig zur Sache. Dies lag daran, dass ich die Initiative und die Verantwortung für ein Projekt mit einer Militärbarracke übernommen hatte. Ziel dieses Projektes ist es, ausgewählte Soldaten und Frauen in Mediation und gewaltfreier Kommunikation auszubilden, um die Gewaltanwendung bei Konflikten zu reduzieren. Ich war unglaublich überrascht zu sehen, wie sich die Teilnehmer der Trainings (30 Leute) auf Selbstreflektion und neue Formen der Kommunikation/ Streitschlichtung einliessen. Die Soldaten leben in Sierra Leone zusammen mit ihren Frauen und Kindern in abgegrenzten Gebieten, auch innerhalb der Hauptstadt Freetown. Die Lebensbedingungen dieser Gemeinschaften sind sehr schlecht, da man als Soldat in der Regel nur sehr wenig verdient, wenn der Sold denn ausbezahlt wird. Verbunden mit der Armut hat es auch eine sehr hohe Rate an Analphabeten sowie viel Gewalt(delikte). Nicht umsonst wird gesagt, dass die Militärbarracken ein "hot spot" sind. Interessanterweise gibt es aber kaum eine Organisation - und in Sierra Leone gibt es hunderte davon - welche diese Gemeinschaft unterstützt.

Obschon die trainierten Leute der Barracke uns versicherten, dass sich vieles zum Besseren gewendet hat innerhalb von wenigen Monaten (weniger Gewaltdelikte, mehr Vertrauen untereinander, weniger Busser, mehr Mediationen), sind wir mit immer mehr Erwartungen finanzieller Art konfrontiert, denen wir nicht nachkommen können. Konkret wird von uns erwartet, dass wir den Teilnehmern von Trainings zusätzliches Geld geben. Dies ist doch abstrus, da wir ihnen doch schon kostenlos Wissen bieten, so müsste man meinen. Doch realisiere ich auch, je länger ich hier bin, dass in dieser Barracke um das nackte Überleben (Essen, Schulgeld, Transportgeld, Kleider) gekämpft wird. Also eine unmögliche Ausgangssituation für die Leute dort, um einen freien Kopf für anderes zu haben.
Es ist wahrlich eine Kunst für mich, und es braucht einen langen Atem, damit ich in solch auswegslosen scheinenden Situationen den Mut und die Zuversicht nicht verliere.

Die zweite Hälfte des letzten Jahres hatte es auch in privater Hinsicht in sich. Zuerst die Freude über die Schwangerschaft von Annick!!!, dann die Realisierung, dass diese zusätzliche Herausforderung für Annick und mich manchmal zu viel des Guten war. Während ich mich 6 Monate auf unsere Mission in Sierra Leone vorbereitet hatte, war ich komplett unvorbereitet, mit den Tücken einer Schwangerschaft umzugehen, aus der Perskeptive des Mannes. Ich hätte mir manchmal einen Austausch mit anderen Männern gewünscht, doch kenne ich in Sierra Leone niemanden, dessen Frau schwanger geworden ist. Lachen musste ich in dieser Situation, als mir jemand sagte, dass dies noch nichts im Vergleich zur Zeit sei, wenn wir mit dem Kind in Sierra Leone seien. Vermutlich nicht ganz unwahr.........
Umso dankbarer bin ich, dass Annick und ich immer wieder den Mut haben, uns unangenehme Dinge zu sagen, im Sinne eines gemeinsamen Weges.

Damit verabschieden wir uns vom letzten Jahr und freuen uns auf den Austausch mit Euch in diesem Jahr!

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