Meine ersten Eindrücke
Gleich bei der Landung kam mir feucht-warme Luft entgegen. Beim Einstieg in den Helikopter, der mich vom Flughafen Lungi zur Innenstadt brachte, goss es aus Kübeln. So gewann ich den Eindruck, dass ich nicht nur durch die Übertragung der Wärme auf den Körper von innen her aufgeweicht wurde, sondern dass von aussen noch nachgedoppelt wurde. Bei der zweiten Landung bereiteten mir Annick und Philipp ein herzliches Willkommen. Ich brauchte mich nicht einmal mehr um mein Gepäck zu kümmern. Ich genoss die ersten Landschaftseindrücke im geräumigen Auto der Caritas bei geöffneten Fenstern, hörte das Rauschen des Meeres und lernte die holprigen Strassen von Freetown kennen. Ich war glücklich, heil angekommen zu sein und gleichzeitig müde, nachdem ich um 5 Uhr morgens bei Verena, die mich zum Flughafen in Zürich brachte, aufgebrochen war und gegen Mitternacht in der nahe liegenden Wohnung am Westrand von Freetown eintrudelte.
Die drei jungen Guards, die besorgt sind um das Wohlergehen der Bewohner im „compound“, fragen bei jeder Begegnung, wie es mir geht und sind neugierig zu hören, welche Erfahrungen ich hier mache. Auch die anderen Menschen, die ich durch Annick und Philipp kennen lerne, fragen als erstes ausführlich nach dem Ergehen. Dabei findet eine auf mich berührend wirkende Geste statt. Nach dem bei uns üblichen Händeschütteln wird die Hand im Handgelenk nach oben gekippt, sodass die Handflächen neu aufeinander treffen. Dann schliesst sich die erste Handstellung nochmals an und am Schluss geht die eigene Hand zum Brustbein. Dieser Abschluss verdeutlicht mir durch die Andersartigkeit und Intensivität, dass ich nach dem gegenseitigen Austausch wieder bei mir ankomme und den anderen Menschen wie zu mir nehme.
Ich bin erstaunt über die direkte und natürliche Offenheit der Menschen, die ich durch Annick und Philipp hier in Sierra Leone kennen gelernt habe. Bei John und Marta, sowie Nestor und Josephine beeindruckte mich ausserdem ihre gelebte Religiosität. Vor und nach jeder grösseren Aktion wird ein kurzes Gebet gesprochen, d.h. vor und nach dem Essen, den Autofahrten, den Meetings.... Für mich ist dieses Innehalten wesentlich, nicht die gesprochenen Worte.
Die herzliche Begegnung mit den Bewohnern eines Eingeborenen-Dorfes, aus dem Nestor und Josephine stammen, ist schier unbeschreiblich. Da für mich die Sprache unverständlich war, lief die Kommunikation nur über Gesten oder das Dolmetschen von Nestor. Schon weit vor dem Dorf fuhren wir auf engen Wegen und hielten jeweils bei jedem Verwandten an, die Nestor nur kurz begrüsste, da es schon dunkel geworden war. Zuerst wurden wir dem Chief vorgestellt. Derweil drängten sich die Bewohner dicht an uns heran, besonders die Kinder wollten uns berühren. Der Empfang gestaltete sich bei Trommelmusik, Gesang und Tanz festlich. Am nächsten Morgen versammelten sich alle bei den Ältesten des Dorfes, wir wurden nochmals vorgestellt und tauschten Geschenke aus. Zu unserer Überraschung erhielten Annick und Philipp eine lebendige Ziege. Diese haben wir mit allen im compound eine Woche später zusammen verspeist. Die Vermieter hatten sie köstlich zubereitet.
Von Annicks und Philipps am Hang gelegener Wohnung geniesse ich immer wieder auf der Terrasse sitzend den Blick aufs Meer bei unterschiedlichen Wetterstimmungen: am Morgen ist häufig eine leicht verschwommene Aussicht durch die feuchte Luft zu beobachten, die sich mit der Zeit auflöst und die Sonne durchstösst. Ein völlig blauer, wolkenloser Himmel ist eher selten. Ich erlebe hier eher einen wolkigen, verhangenen Himmel, der sich häufig verändert, manchmal scheinen dunkle Wolken einen Regenguss vermuten, doch plötzlich sind diese Wolken auch wieder verschwunden. Heftige Regenfälle sind kurz und ergiebig und eher unvorhersehbar. Häufig erlebe ich Wetterleuchten und Gewitter, vornehmlich am Abend oder in der Nacht. Wenn die Sonne untergeht, beobachte ich gerne den sich färbenden Himmel.
Dienstag, 1. Juni 2010
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