Samstag, 6. März 2010

effektives Arbeiten

Vorletzten Freitag ging ich motiviert zur Arbeit, schliesslich wollte ich vor dem Wochenende noch einige Dinge erledigen. Die meisten Organisationen arbeiten am Freitag nur bis ca. 13.00 oder 14.00 Uhr, da um diese Zeit jeweils das wichtigste Gebet der Muslime abgehalten wird. In Sierra Leone leben ca. 40% Muslime und 30% Christen. Bei der Arbeit angekommen, informiert mich mein Kollege Lansana, dass um 10.00 bei einer anderen Mitarbeiterin von Caritas eine Zeremonie statt finde. Mit der Zeremonie wird die Mutter der Kollegin geehrt, welche vor einem Jahr gestorben ist.

Das ist ja wieder einmal in allerletzter Minute kommuniziert, denke ich für mich. Da ich bereits ein Meeting um 10.00 Uhr arrangiert habe, sage ich Lansana, ich sei verhindert. Zehn Minuten später kommt – unabhängig von Lansana - unser neuer Program Manager in mein Büro und teilt mir mit, dass das ganze Team an diese Zeremonie gehe. Langsam dämmert mir, dass ich auch mitkommen sollte, weil diese Zermonie einen dieser Events darstellt, welche einen grossen Stellenwert im Leben der Sierra Leoner haben. Also verschiebe ich mein Meeting und „pünktlich“ um 10.00 verlassen wir unser Büro, um zum Haus unserer Kollegin zu fahren. Wir kommen dort um 10.30 an, und da niemand da ist, fragt ein Mitarbeiter, ob die Zeremonie schon vorüber sei. Keine Hektik oder schlechtes Gewissen, dass wir zu spät sind, nein einfach eine Frage. Natürlich sind wir nicht zu spät und warten nun „ganz afrikanisch“ die nächsten vierzig Minuten unter einem grossen Mangobaum bis etwas passiert.

Dann muss ich über meine Naivität schmunzeln, als ich realisiere, dass die Zeremonie „nur“ aus einem gemeinsamen Reis-Menu besteht, keine traditionelle Anrede oder Zeremonie, wie ich sie mir vorgestellt habe. Den Anderen ist dies natürlich klar und sie langen auch kräftig zu, ich dagegen habe eigentlich noch keinen Hunger, überwinde mich aber, einige Happen zu mir zu nehmen. Interessant ist, dass die Männer je zu zweit einen Teller Reis teilen, während die Frauen alle zusammen aus dem Topf essen. Ein muslimischer Gebrauch.

Um 12.15 verabschieden wir uns und ich gehe zu meinem deutschen Kollegen, um über financial policies zu sprechen. Kaum haben wir begonnen, da schneit mein Chef, Father Konteh herein. Er ist einen Tag zuvor vor seiner 3-wöchigen Deutschlandreise zurückgekommen und will dem deutschen Kollegen einen Besuch abstatten. Klar, wir unterbrechen unser Gespräch und verweilen die nächsten 90 Minuten mit meinem Chef und hören ihn von seinen Erlebnissen erzählen. Spannend ist es alle Male und auch relevant für meine Arbeit. Wie sich später herausstellt ist dies nämlich die einzige Begegnung mit meinem Chef seit seiner Rückkehr vor zwei Wochen.

Ich kämpfe mich durch den Verkehr und erreiche um ca. 14.00 mein Büro. Inzwischen ist mein Elan nicht mehr so gross, es ist heiss im Büro und ich freue mich aufs Wochenende. Dennoch will ich noch etwas erledigen. Da kommt der Coordinator für alle AGEH Stellen in Sierra Leone in mein Büro und wir unterhalten uns über dies und jenes. Nach ca. 45 Minuten teilt er mir mit, was sein Anliegen ist. Das ist eigentlich typisch afrikanisch, wenn man das überhaupt sagen kann. Zuerst wird die Beziehung gepflegt und in den letzten 5 Minuten kommt man zur Essenz. Nachdem er gegangen ist, ist auch der letzte Arbeitselan verschwunden. Niemand ist mehr im Büro, wieso soll ich noch bleiben? Ich gehe nach Hause und frage mich, was ich heute überhaupt zu Stande gebracht habe. Egal, denke ich mir, schliesslich bin ich in Sierra Leone und hier ticken die Uhren halt anders. Am nächsten Montag bin ich überrascht, als sich die Kollegin, die uns zur Zeremonie eingeladen hatte, aufrichtig für mich Kommen bedankt. Einmal mehr bestätigt sich die Erkenntnis, dass die Beziehungen einen extrem hohen Stellenwert haben und ohne diese keine Zusammenarbeit denkbar ist. D.h. wenn ich mit meinen Kollegen kooperieren möchte, muss ich dies immer einbeziehen. Was also ist effektives Arbeiten?

1 Kommentar:

  1. hallo zwitschi, du warst so effektiv, dass der beitrag gleich zweimal erschien... oder war das eine fata morgana? musste recht schmunzeln was du so erzählst. das tönt im übrigens extrem entspannt und entspricht in etwas meinem jetzigen arbeitsplatz. cool oder? im gegensatz zu dir liebe ich es. beziehungen sind nicht nur in afrika wichtig. warscheinlich fast überall...ok in der schweiz etwas weniger aber die schweiz ist ja so klein. schaue gerade auf den schnee auf dem dach des hauses gegenüber und frage mich wann wohl der frühling kommt. alles liebe ena

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