So ganz ohne Vorstellung waren wir, als wir im Sommer unseren Flug nach Freetown buchten. Eine Einschätzung des Landes konnten wir nur auf Basis der teilweise sehr brutalen Biographie des Kindersoldaten Ismahel Beha und dem erstaunten Blick des Tropenarztes in Anbetracht des Reiselandes vornehmen. Annick gab uns noch vorab per Email den Tipp: bei der Ankunft am Flughafen entspannt bleiben, Ruhe bewahren! Dankbar hielten wir uns an diesen Worten fest, als wir im Flughafen-Getümmel schwerste Mühe hatten, die zehn überambitionierten Träger mit unseren Taschen und Fahrrädern im Auge und am gleichen Fleck zu halten. Keine zwei Stunden im Land und schon mittendrin. Drei Stunden und eine Fahrt mit dem Wassertaxi später saßen wir dann mit Philipp und Annick im Restaurant und tranken unser erstes „Star“-Bier, glücklich über das Wiedersehen! Und von da an vergingen nur noch wenige Tage, bis wir uns einig waren: dieses Land ist fantastisch! Jede Minute wurde aufgesogen und genossen (abzüglich der Momente völliger Erschöpfung am Tag 5 der Bintumani-Tour) und zu keiner Zeit kamen unwohle oder unsichere Gefühle auf, im Gegenteil. Wir waren uns einig: Als Schwarzer in Europa muss man sich um ein vielfaches unwohler fühlen!
Besonders die Gesichter der Menschen in Sierra Leone wirken noch immer in uns nach. „Forgive and forget“, lautete die Losung nach dem Krieg, mit der die Menschen ihr Schicksal hinter sich lassen sollten. Die wenigen Geschichten, die uns Einheimische von ihren tragischen Verlusten im Krieg erzählten, haben für uns immer wieder die Frage aufgeworfen: wie machen diese Leute weiter – und scheinen dabei Frieden im Herzen zu tragen? Das entspricht doch nicht unserer Mentalität, die wir meinen, unsere (Kriegs-)Geschichte immer und immer wieder hervorholen und verarbeiten zu müssen. Am Ende stand der Gedanke: In Sierra Leone kann es sich niemand leisten, sein Schicksal wieder und wieder zu betrauern: Dort geht auch in vermeintlichen Friedenszeiten der Überlebenskampf weiter.
In Sierra Leone kann man in verschiedensten Varianten erfahren was es heißt, nichts zu haben. Das war immer wieder bitter und schmerzhaft anzusehen. Und dann die Fragen: Soll man helfen – oder hilft man letztendlich mit vermeintlicher Hilfe doch nicht, sondern richtet mehr Schaden oder Abhängigkeit an? Regelmäßig haben wir für ein Abendessen mehr ausgegeben als die meisten Einwohner des Landes in einem Monat verdienen. Die vielen Facetten der Ungerechtigkeit sind in diesem Land ein ständiger Begleiter. Und doch haben die Leute dort sehr viel von etwas, das wir wiederum in Europa vermissen. Sie tragen es in ihren Gesichtern. Dieser zwischenmenschliche Reichtum lässt sich für mich nicht beschreiben, er lässt sich nur erfahren.
Erst durch unsere Gastgeber und Reisebegleiter Annick und Philipp wurde diese Reise für uns zu der Besonderheit, die sie war. Es war sehr schön zu sehen, wie ihr euch eine Welt aus Arbeit, Musikschule, Basketball, Freunden, gemütlich zu Hause sein und vielem mehr aufgebaut haben. Und Hut ab vor Eurem Mut! Aber es hat uns auch gezeigt: Egal in welchem Land und auf welchem Kontinent, man kann sich etwas aufbauen, solange man sich selbst keine Grenzen setzt. Lieber Philipp, liebe Annick, Danke für die wunderbare Zeit mit Euch!
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