Nachdem ich in den ersten Wochen nur sehr sporadisch in unserem Office war - Annick und ich haben diese Zeit genutzt, um uns an all das Neue zu gewöhnen, inklusive Wohnungssuche – hat mich meine Arbeit inzwischen richtig gefangen genommen. Ich arbeite für Caritas Freetown and Bo; das ist die NGO der katholischen Kirche, die sich um Entwicklungsprojekte innerhalb der Diözese Freetown und Bo kümmert. Diese Caritas hat verschiedene Departemente und ich bin Berater der Justice and Peace Commission, welche seit März offiziell besteht. Diese Commission/Departement hat sich zur Aufgabe gesetzt, in allen Kirchgemeinden der Diözese (etwa ¾ der Fläche von der Schweiz) jeweils eine Subcommission einzusetzen. Diese sollen aus wichtigen Personen unterschiedlicher Religionen zusammengesetzt werden (in Sierra Leone leben ca. 50% Muslime, 30% Christen und 20% Andere). So sollen dort z.B. ein local chief, ein Repräsentant der dortigen Frauenorganisation, ein Priester, eine muslimische Autorität etc. präsent sein. Nach der Formation dieser Gruppen, bei welcher die Commission behilflich sein wird, werden wir die Leute fragen, welche Probleme sie in Bezug auf Justice, Peace und Human Rights haben. Meistens sind dies – wie ich bisher wahrgenommen haben – Probleme wie der Umgang mit Konflikten (besonders innerhalb von Familien), häusliche Gewalt, rechtliche Unterstützung bei legalen Konflikten. Es ist der Commission ein Anliegen, dass die Leute vor Ort selber entscheiden, an welchen Problemen sie arbeiten wollen. Denn in der Entwicklungszusammenarbeit ist es leider überwiegend so, dass die Geldgeber in Europa oder Amerika entscheiden, welche Projekte lanciert werden sollen, ohne eine genauere Abklärung vor Ort getätigt zu haben. Da wir bislang über nur wenig Mittel verfügen (die Finanzkrise zeigt sich in diesem Bereich sehr stark) werden wir vor allem die Rolle übernehmen, den ganzen Prozess vor Ort zu facilitaten. Indem wir mit Ihnen Ihren Plan erarbeiten, wie sie Ihre Probleme lösen wollen und indem wir regelmässig vorbei kommen, um zu schauen, wo sie stehen.
Da wir aber nur über ein kleines Budget verfügen, ist es bereits schon schwierig, regelmässig weitere Strecken mit dem Auto zurückzulegen, da die Benzinkosten hoch sind. Dies wiederum hat zur Folge, dass eine ständige Begleitung sehr erschwert wird und dies wiederum den Erfolg des ganzen Projektes gefährdet. Dies ist nur ein Beispiel der schwierigen Arbeitsbedingungen, die hier in Sierra Leone herrschen.
In den letzten Wochen hat sich immer stärker herauskristallisiert, was meine Aufgabe sein wird. Es wird wohl aber noch einige Zeit brauchen, bis wirklich alles geklärt wird (was wohl nie der Fall sein wird, anderes Land, andere Sitten…). Ich werde hauptsächlich mit dem Programm-Manager (dem Hauptverantwortlichen für das tägliche Geschäft) der Justice and Peace zusammen arbeiten und diesen unterstützen. Meinem Chef, der Direktor von Caritas Freetown and Bo und somit auch von dieser Commission ist, habe ich vor 3 Wochen klar gemacht, dass nicht ich die Stelle als Programm-Manager übernehmen werde, auch faktisch nicht, da ich nach 3 Jahren wieder gehe und dann kein Loch entstehen sollte. Ich habe ihm dies so klar sagen müssen, da in den ersten niemand von den bereits angestellten Personen (eine 42-jährige Frau, ein 22-jähriger Uniabsolvent sowie ein engagierter Anwalt, der aber zu 120% anderswo engagiert ist; alle Sierra Leoner) die Hauptverantwortung übernommen hat. Es lag meistens an mir, zu schauen, dass wichtige Dinge erledigt werden. Glücklicherweise ist mein Chef auch der Meinung, dass ich grundsätzlich lediglich als Berater agieren soll und nicht derjenige bin, der die Hauptverantwortung für die Umsetzung trägt. Diese Klärung hat mich sehr erleichtert.
Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist immer noch unklar, wer welche Position übernehmen wird und wer noch angestellt werden muss. Auch die Jobbeschreibungen der einzelnen Personen müssen noch erarbeitet werden. Dies liegt sicherlich daran, dass mein Chef meistens in Bo ist und Strukturierung nicht seine Stärke ist. Dafür hat er andere Stärken, besonders im menschlichen Bereich, worüber ich froh bin.
Als ich ankam, stand der Commission lediglich 1 Raum zur Verfügung, mit 3 kleinen, klapprigen Tischen! Dies hat sich bis heute kaum verbessert. Wir arbeiten entweder mit meinem Laptop oder einem anderen Computer, der leider aber meist besetzt ist. Ich habe mir das Ziel gesetzt, den Bürobetrieb um einiges effizienter und effektiver zu gestalten. Ich bin mir bewusst, dass dies ist ein ehrgeiziges Ziel in Sierra Leone ist. Und ich kann diesen Prozess nur in dem Tempo meines Teams gehen. Denn sobald ich versuche, meine Ideen auf sie zu übertragen, gibt es klaren Widerstand. Ich werde mich in den nächsten Wochen mit dem Team zusammensetzen und wir werden dann zusammen erarbeiten, unter welchen Umständen sie erfolgreich arbeiten können.
Neben dieser Managementarbeit werde ich viel mit den Subcommissions der Gemeinden arbeiten, sobald diese gebildet sind. Ich werde zusammen mit meinem Team Workshops zu Menschenrechtssensibilisierung, Mediation, Kommunikation und ähnlichem halten. Dies wird wohl erst Ende Jahr beginnen. Bis dahin werden wir uns zum einen mit wichtigen Personen in den Gemeinden bekannt machen und zum anderen werde ich die Zeit nutzen, um mit dem Team die Fähigkeiten zu arbeiten, welche die einzelnen Personen für die kommenden Arbeiten brauchen. Dieses capacity building ist eine weitere Aufgabe von mir. Es reicht von Computergrundkenntnissen, einen Bericht verfassen, Kommunikation und Mediation, ein Interview vorbereiten und führen, sich selber in der täglichen Arbeit organisieren; also von A-Z. Ich beanspruche nicht, dass ich in all diesen Bereichen ein Profi bin. Und doch realisiere ich, dass ich durch die eine oder andere Massnahme die einzelnen Personen unterstütze. Im Grossen und Ganzen ist meine Arbeit sehr abwechslungsreich und ich bin ständig mit Menschen im Kontakt, wie ich mir dies gewünscht habe. Deshalb befriedigt mich diese Stelle sehr. Nur hätte ich nicht gedacht, welche täglichen Herausforderungen damit verbunden sind, dass ich in einer anderen Kultur arbeite. Mehr dazu in einem anderen Beitrag.
Sonntag, 14. Juni 2009
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